Krise als Chance

Auch wenn viele von uns gerade neue, schwierige und sehr existenzielle Erfahrungen machen: Wir sind im Lernmodus. Auf vielfältige Art. Zu unserem Besseren, wie ich finde.

  • Wir lernen, uns in beruflichen Situationen neu zu erfinden, kreativ flexible Formen der Arbeit zu praktizieren und neue Wege zu beschreiten.
  • Wir lernen, mit Angst umzugehen. Manche bleiben gelassen, manche plagen sehr berechtigte Existenzängste. Werde ich meinen Job behalten? Geht meine Firma den Bach runter? Bekomme ich finanzielle Leistungen vom Staat? Es gibt viel Unterstützung und vor allem hilft: Mit Menschen sprechen, denn jeder befindet sich im Lösungs- und Improvisationsmodus.
  • Wir lernen Geduld: Nicht alles muss schnell gehen und sofort sein. Wir können auch mal anderen den Vortritt lassen. Geduld kann das Gegenteil von Aktionismus bedeuten, der die Dynamik unserer (Geschäfts-)Welt ausmacht. Nämlich Gelassenheit zeigen, mehr Verständnis dafür haben, dass andere einen anderen Rhythmus haben und damit den eigenen Stresspegel senken.
  • Wir lernen, dass wir nicht der Mittelpunkt der Welt sind. Plötzlich nehmen wir mehr Anteil am Schicksal anderer. Wir kümmern uns. Wir ordnen Dinge in unserem Kopf neu. Und stellen fest, wie wichtig das soziale Miteinander ist. Nicht nur die eigenen Interessen. Viele teilen Engagement, Wissen und Mitgefühl.
  • Wir lernen, wie wichtig Demokratie ist. Wie effizient sie arbeiten kann, wenn Gesellschaft und Wirtschaft im Krisenmodus sind. Und dass der rechte Rand keine Perspektiven bietet.
  • Wir lernen, wie wichtig öffentlich-rechtliche Medien sind und die Informationen, die sie verbreiten. Was übers Internet an Infos reinflattert – können wir dem vertrauen?
  • Wir lernen, dass wir noch konsequenter die Umwelt schützen müssen. Denn sonst klopft die nächste Pandemie an die Tür. Zu nah kommen sich Mensch und Tier aufgrund der sich radikal verändernder Klima- und Umweltbedingungen.
  • Wir lernen, neue Erfahrungen, Einblicke zu gewinnen. Und zwar in vielfältigen und größeren Zusammenhängen. Vielleicht sind ich und mein Job und meine persönlichen Entwicklungschancen nicht der zentrale Dreh- und Angelpunkt für alles.

Das und noch viele andere sind die wirklichen Chancen der Krise. Heute am Telefon meinte ein Freund zu mir, er glaube nicht an das Gute im Menschen. Es wird sich eh nichts ändern.

Spontan habe ich geantwortet: Mag sein, aber vielleicht ändern sich die Bedürfnisse der Menschen. Zum Beispiel nach menschlicher Nähe und sozialem Miteinander. Damit kann Corona auch der Ausgangspunkt für neue Entwicklungen werden.

Das Lernen, das Ändern von Meinungen und Perspektiven – hoffentlich hört das nie auf.